Das ruft ihn natürlich auf den Plan, den Wutbürger. Wer schon beim Namen genannt wird, der meldet sich zu Wort. Und wie damals, als er seinen Namen bekam, geifert er auch jetzt wieder los und vor Allem dagegen. Quasi gegen sich selbst. Der Wutbürger kann eben nicht anders.
Dabei passt der Wutbürger wirklich vortrefflich zum Jahr 2010. Klimawandelleugnerleugnergegnerskeptiker, Bahnhofsnichtversteher, Migrantengenangsthasen, Castorschotterer, Schulprotestler, Vuvuzelaunerhörer, Rücktrittspräsidenten, Streetviewverpixeler - das ganze Jahr war voller Aufstände des kleinen Mannes gegen die großen der Republik. Und dieses diffuse Gefühl von "dagegen" schrumpft im Wutbürger auf das zusammen was es in der Essenz der ganzen Protestiererei ist: Der ganz einfache Zorn des unscheinbaren Unbeteiligten.
Sicher, es gab auch andere Worte. "Krieg" etwa oder "Stuttgart 21". Die Ölpest am Golf kam auch nicht vor und die Aschewolke hat es gerade mal auf Platz 8 geschafft. Aber alles was dieses Jahr die Menschen bewegte, knarzte vom großzügig eingestreuten Getriebesand des Wutbürgers. Sogar die Wahl des Wutbürgers zum Wort des Jahres.
Betrachtet man die Liste der Wörter des Jahres mal nüchtern, dann ruft jedes genau das ins Gedächtnis, was das Jahr prägte. Das wird der "Wutbürger" in drei oder vier Jahren auch tun. Er ist die Verbindung zwischen den vielen Empörungshöhepunkten in diesem Jahr.
Etwas anderes ist auch interessant. Ich bin drauf gekommen als ich Zettels Artikel auf Platz eins der Google-Trefferliste gesehen habe. Der "Wutbürger" ist ein ungern gesehener Cousin des "Gutmenschen". Google liefert mehr als 40.000 Wutbürger, mehr als 13.000 davon in einem Text mit Gutmenschen. Fast jeder dritte Beitrag zum "Wutbürger" ist demnach zumindest mit dem Verweis auf ein Wort geschrieben, dass offensichtlich außer Diffamierung und Stigmatisierung keinen Zweck hat.
