Gestern war der Einsendeschluss zum "Unwort des Jahres"-Vorschlagen. Das bedeutet, die Jury der "Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres" wird sich in den kommenden Tagen beraten und der Welt das Unwort präsentieren, das 2009 am schlimmsten und verurteilenswürdigsten war.
Das lustige ist, dass das Bloggezeter schon jetzt losgeht. Bevor noch ein Wort gesprochen ist, meckern und zetern und quengeln die ersten schon über die Jury und das Unwort und wollen ein ganz anderes haben. Nimmt man Zettel, der es mit Sprache ja schon einmal nicht hatte, dann werden einige besonders seltsame Argumente klar, die man sich merken kann.
So ist "Unwort" kein "Unwort" nur weil Zettel keine "Unrose" kennt. Dieser populistische Bauerntrick ist beliebt aber doof, weil ja Zettel zum Beispiel auch "Unding", "Undank", "Unfall" un un un kennt. Das ein Un-Nomen nicht nur ein Nicht eines Nomen ist, weiß auch Zettel. Hoffentlich. Aber vergessen kann er es ja mal wenn es gerade ins Argument passt.
Schlimmer noch als das Unargument ist das Unding im Umgang mit der Linguistik. Die, so Zettel, glaubten die Sprachkritiker nämlich auf ihrer Seite. Das ist faktisch falsch. Es gibt auf der Seite der Sprachkritischen Aktion nur einen Verweis auf die Linguistik und das in einem Aufsatz, den Rudolf Hoberg geschrieben hat. Weder die Satzung noch die Begründungen lassen etwas linguistisches erkennen.
Das ist auch nicht geplant. Man muss zwischen Linguistik und Sprachkritik trennen können um die Dinge richtig zu bewerten. Die stärkste Kritik an der Sprachkritik - auch an Dolf Sternberger - kommt von den Linguisten. Die bemängeln die sprachpolitischen Monopolisten, die Sprachkritiker sein wollen, weil diese einen vermeintlich richtigen mit einem vermeintlich moralisch falschen Sprachgebrauch vergleichen.
Genau das macht Zettel schließlich selbst. Er ernennt "Gier" zu seinem Unwort des Jahres. Er gibt eine vermeintlich richtige Definition und meckert, weil alle Welt darunter fälschlicherweise etwas anderes versteht. (Eigentlich ist das noch nicht einmal das, was die Unwortjäger machen. Es ist noch seltsamer) Das finde ich albern. Aber ich kann ja mal versuchen zu raten, was die Juroren sich diesmal ausdenken. Meine Topkandidaten sind (mit Vorhersage der Begründungen):
Klimaskeptiker (Vernebelt die Tatsache, dass ein wissenschaftlicher Konsens völlig abgelehnt wird hinter der eigentlich wissenschaftlichen Skepsis)
Spekulationsblase (Kaschiert die durch menschliches Handeln entstandenen wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten hinter einem pseudowissenschaftlich-technischen Begriff)
Umweltprämie (Der Kauf eines Autos ist kein unweltschonendes Handeln. Dieses Handeln zu prämieren kann daher auch nicht umweltschonend sein)
kriegsähnliche Zustände (Als Vermeidung des Wortes Krieg verharmlost es die Lebenswirklichkeit von Menschen im Krieg da dieser nur noch völkerrechtsrelevante Kategorie ist)
...oder, um es mit Olaf Thon zu sagen, ein Überraschungskandidat mit dem jetzt noch keiner rechnet.
Dienstag, 12. Januar 2010
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4 Kommentare:
Ich bin durch Deinen Beitrag in Zettels Forum hierauf aufmerksam geworden; danke, viel mehr gibt es dazu eigentlich gar nicht zu sagen.
Jetzt wirft er der Jury ja sogar vor, daß sie in der "Thüringer Allgemeinen" als "Sprachexperten" bezeichnet werden; und deshalb träten sie als Linguisten auf. Schon ist sie dahin, die eben noch gepriesene Quellenkritik.
Tatsächlich verschweigen die Juroren ja nicht, daß sie Linguisten sind. Aber wer die Unwortwahl deshalb für Linguistik hält, der hält auch Zettels Kritik daran für Naturwissenschaft. Als Naturwissenschaftler tritt Zettel ja schließlich ganz klar auf.
Nur noch eine Anmerkung zu den 'Klimaskeptikeren'. Darunter finden sich ja doch einige Klimawissenschaftler - und wenn die den Konsens ablehnen, kann er gar keiner mehr sein.
Im Übrigen ist die Ablehnung der Klimaskeptiker durch die Klimaorthodoxen ja nicht minder stark. Ist insgesamt mein Eindruck, daß die Debatte nicht gerade von Vernunft gezeichnet ist.
Deiner Kritik, lieber vielleicht ein linker, kann ich (fast) eigentlich nur zustimmen.
Zettel versucht zu skandalisieren, wo es nichts Skandalöses gibt.
"Sprachexperten" (ein unklarer Begriff) werden die Juroren ja zuerst von außerhalb genannt. "Linguisten" befinden sich schon unter der Jury, aber das heißt noch lange nicht, daß sie für ihre jährliche Prämierung wissenschaftliche Weihen beanspruchhen, auch wenn solche Sprachkritik durchaus linguistisch-pragmatisch betrieben werden kann.
Das Problem für Zettel ist, daß die bisherigen Unwortprämierungen eine gewisse Linkslastigkeit haben. Aber dies ist - erlaube mir daß als Nichtlinker zu sagen - aber ein gesellschaftliches Problem. Es ist nicht so, als würde die Jury einer nichtlinken Gesellschaft ihre "linken Parolen" aufdrücken, sondern die Unwortfindung ergibt sich einfach durch den Zeitgeist und ist auch Moden unterworfen (so war in den Neunzigern wohl Fremdenhaß das Thema, heute eher die Arbeitswelt). Das jetzt einfach mal, wertungsfrei konstatiert.
Zettel geht gegen die Jury (seltsamerweiß ist es ein Thema, daß sie "selbsternannt" sei) los, weil er politisch mit ihr über Kreuz liegt. Würde sie aus einer liberalen oder biologistischen Richtung sprechen, sähe das ganz anders aus.
Mein einziger Kritikpunkt wäre beim Punkt "Klimaskeptiker" - unter denen gibt es nämlich solche und solche: manche haben wissenschaftliche Zweifel, andere plappern nur. Aber das paßt ja zur seltsamen Vokabel Skeptiker, die ja heute einerseits einen zweifelnden Menschen bezeichnet, aber auch von solchen gebraucht wird, für die Skeptizismus eine Weltanschauung ist (und Name eines Magazins). Das paßt wiederum zu den antiken Skeptikern, die ja eben auch keine Zweifler waren sondern krass-dogmatische Prediger des Indifferentismus.
Hallo und Danke fürs Lesen und Kommentieren. Was Zettel angeht ist alles gesagt. Mehr lohnt auch nicht. Was die Klimaskeptiker angeht ist das richtig und die Begründung auch nicht meine Position. War der Versuch einer Vorhersage - die nicht eingetreten ist. Eure Argumente sind aber beide logisch und wenn ich mir das so durchlese, bin ich im Namen der Versöhnlichkeit fast schon froh dass das Wort es nicht in die Top-Drei geschafft hat. Meine Güte, was dann losgewesen wäre... ;-)
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